LERNORT SCHULE pädagogische Kräfte, gemeinsam eine Zukunftsvorstellung von dem haben, was sie erreichen wollen. Und sie brauchen einen Plan, wie sie dahin kommen. Ich glaube nicht, dass man Schulen normieren kann. Jede Schule muss ihr eigenes Profil erreichen. Zentrales Problem ist dabei, dass unser Schulsystem vor etwa 200 Jahren entwickelt wurde, also in der Zeit der Aufklärung und Industrialisierung. Damals ging es um Fließbandarbeit und das Sortieren der Schüler nach Alter. Dabei entsteht auch „Ausschuss“: 150.000 Schüler wurden im letzten Jahr als Sitzenbleiber aussortiert; eine pädagogisch sinnlose Maßnahme, die eine Milliarde Euro kostet, wie Klaus Klemm errechnet hat. Diese gewaltige Summe könnte man sofort für individuelle Fördermaßnahmen einsetzen. Wie der Soziologe Stefan Reckwitz he rausgearbeitet hat, erleben wir zurzeit den Übergang vom industriellen Kapitalismus zum kulturellen Kapitalismus, da geht es um Singularität, um individuelle Potenzial entfaltung, um Einzigartigkeit. Aber die Kinder in der Schule müssen immer noch den Einheitsbrei zu sich nehmen! Das entspricht nicht der Vielfalt der Neigungen und Begabungen und ist angesichts der Anforderungen einer globalisierten und digitalisierten Gesellschaft auch nicht mehr angemessen. i Kati Ahl: Schule verändern – jetzt! Wegweisende Antworten auf drängende Fragen © 2020. Kallmeyer in Verbindung mit Klett Friedrich Verlag GmbH 22,95 Euro ISBN: 978-3-7727-1412-2 www.friedrich-verlag.de Was bedeutet das für den Lehrerberuf, wenn solch hervorragende pädagogische Arbeit nur in zusätzlicher Arbeit entsteht? Es bedeutet, dass nicht die Kreativen in die Schule gehen; sondern dahin gehen – ich pauschalisiere jetzt – diejenigen mit dem Wunsch nach Verbeamtung. Sie fragen mich ja, warum sich Schulen so wenig verändern. Ich kann Ihnen eine Reihe fantastischer Schulen nennen. Deren Engagement geht aber immer von besonders engagierten und leidenschaftlichen Pädagogen aus; zum Beispiel in der Alemannenschule Wutöschingen: Ein Lehrer dort sieht den Film „Treibhäuser der Zukunft“ von Reinhard Kahl. Er hat eine schlaflose Nacht und beschließt, die Pädagogik an der Schule zu ändern. Heute hat man dort ein fantastisches Schulmodell. Die Kolleginnen und Kollegen sagen ja oft: Wenn wir mehr Geld oder diese besonderen Bedingungen hätten, dann könnten wir was ändern. Aber ich habe gesehen: Die Schulen, die sich auf den Weg machen, die haben nicht viel Geld, die haben eine Vision. Wenn sie eine attraktive Idee und Vision haben, dann kommt das Geld zu ihnen, weil andere das interessant finden! Dieser Sog entsteht dadurch, dass die Schulen pädagogischen Spirit haben und sich mit ihrem Umfeld vernetzen. Worauf kommt es Ihrer Meinung nach an? Es kommt darauf an, dass Schülerinnen und Schüler schon früh ihre Talente und Neigungen erkennen und darin gezielt gefördert werden, denn jeder ist etwas Besonderes und es geht darum, die Entwicklung des persönlichen Profils zu unterstützen. Wir müssten die verpflichtenden Curricula zurückfahren auf ein Basis-Curriculum. Man braucht bestimmte Grundfertigkeiten und daneben einen Raum für Selbstgestaltung und Potenzialentfaltung, individuell und im Team. Große Firmen wie Microsoft oder Google geben ihren Mitarbeitern zeitliche Freiräume von 20 Prozent. Da entstehen oft die kreativen Erneuerungen! Ein Lehrer in Rheine zeigte mir letztens im Keller ein sogenanntes Makerspace. Da gab es wilde Landschaften mit Maschinen und Geräten und eine „Hall of fame“ für die missglückten Projekte; da konnte jeder anpinnen, was schiefgegangen ist. Die Schule hatte sogar mehrere Preise bei „Jugend forscht“ gewonnen. Und dieser Lehrer macht das zusätzlich. Das wird nicht finanziell oder mit Stellen ausgestattet, sondern das ist Eigeninitiative. Das ist eigentlich der Prototyp der Garage, in der entwickelt wird. Die Garage ist die Metapher für einen Raum, in dem man keine „credit points“ kriegt und nicht bewertet wird. Das ist genau die spannende Frage: Wo entsteht Veränderung? Was ist der zündende Funke? Dazu müssen sie „Tipping Point“ von Gladwell lesen. Veränderungen gehen danach immer von wenigen aus. Wenn sie eine Sache attraktiv formulieren, dann entsteht das, was ich ein kreatives Feld nenne. Das habe ich in meinem Buch „Team-Flow“ beschrieben. Kati Ahl hat Olaf A. Burows Rat befolgt und den Impulsen zu Veränderungsprozessen aus „Tipping Point“ ein eigenes Kapitel mit anschaulichen Beispielen aus einer Schule gewidmet. bildungSPEZIAL 2| 2020 11
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