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zukunft bildung © befreit lehren chronischen (meist psychischen) Stress er- setzt haben und kaum noch Reize erfahren, die unsere Stressachsen trainieren. Stressach- sen regulieren unsere Stress­reaktion und sind beispielsweise für die Ausschüttung von Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol ver- antwortlich. Dabei ist es entscheidend, dass der Mensch und sein Körper immer wieder mit hormetischen (Hormesis, griech.: „An- regung, Anstoß“, engl.: adaptive response, bezeichnet das Phänomen, dass geringe Do- sen schädlicher oder giftiger Substanzen und Stress auslösender Umweltfaktoren eine posi- tive Wirkung auf Organismen haben können) Reizen konfrontiert wird, sei es Kälte, Hitze, Hunger oder Durst, damit der Mensch meta- bolisch flexibel bleiben kann. Heute gibt es für alles eine Lösung, oft sogar eine Vorbeu- gung, bevor die Reize überhaupt auftreten. Wer kennt es nicht, dass wir Kindern alle 30 Minuten etwas zu trinken geben, bevor sie überhaupt Durst haben, oder die Heizung auf- drehen, bevor es wirklich kalt wird. Das große Problem des Menschen ist, dass es zunächst einmal energetisch „billiger“ ist, zu sitzen, als aktiv zu sein. Evolutionär be- trachtet waren wir dann mit einem gewissen Grad an Langeweile konfrontiert und daraus entstand eine Motivation zur Aktivität (außer- halb von Jagd- und Überlebenstrieben). Heute gibt es aufgrund des digitalen Überangebots keine wirkliche Langeweile mehr. Dadurch ver- lieren wir die Motivation, uns zu bewegen, und die Angst vor Langeweile nimmt uns viel von unserer Kreativität und Flexibilität. Durch unsere sitzende Lebensweise verliert der Körper die Fähigkeit, auf verschiede- ne Energiequellen wie Laktat (bei Muskel­ aktivität) oder Ketone (bei längerem Fasten) zurückzugreifen, die erst durch Aktivität ver- fügbar werden. Stattdessen ist man auf die ständige Zufuhr von Glukose angewiesen. Wenn wir Stress erleben, wenden wir oft die falschen Bewältigungsstrategien an. Was wir tun sollten, ist, uns zu bewegen. Was wir aber tatsächlich tun, ist essen, konsumieren, er- starren oder uns mit Social Media ablenken. Das löst den Stress aber nicht, sondern ver- drängt ihn nur. Unser Körper schüttet Hormo- ne und Immunzellen aus, die ohne Bewegung ihre Aufgaben nicht erfüllen können und im schlimmsten Fall sogar toxisch wirken. Bewe- gung reguliert und beruhigt unser aktiviertes Immunsystem. Grundsätzlich ist unser Körper darauf aus- gerichtet, sich an widrige Situationen anzu- passen und sich selbst zu regulieren. Muss Im Dauerstress haben wir kaum Zeit, vermehrt aus Tyrosin Dopamin zu bilden, was wir aber benötigen, um motiviert, kreativ und transformationsfähig zu sein. er das nicht, verliert er diese Fähigkeit – so wie unsere Muskeln verkümmern, wenn wir uns nicht bewegen. Use it or lose it! Moderne Stressoren und ihre Folgen Leider haben wir die klassischen Reize durch moderne Stressoren ersetzt, die un- sere Stressachsen ebenfalls aktivieren, für die unser Körper aber keine Lösungen hat. Stress am Arbeitsplatz, hohe Verände- rungsgeschwindigkeit, ständige Erreichbar- keit, gleichzeitige Vernetzung und Isolation, Extrem­belastung durch soziale Medien, Krie- ge, Umweltgefahren, der Einfluss von künstli- cher Intelligenz und Fake News – all das sind Stressoren, für die wir heute keine adäquaten Bewältigungsstrategien haben. Unser Stress- system ist jedoch darauf ausgelegt, akut zu reagieren und sich nach kurzer Zeit wieder zu beruhigen. Seit der Coronapandemie haben wir unse- ren Körper noch weiter „aufs Abstellgleis“ geschoben, und unser Bewegungsradius ist zunehmend eingeschränkt. Vor allem Jugend- liche nutzen das Internet hauptsächlich, um Inhalte zu konsumieren, anstatt selbst (da- rin) kreativ zu werden. Damit wir uns nicht Kleine Bewegungseinheiten, etwa einfache Fitnessübungen oder kreative Aktivitäten wie Tanzen, Singen oder Impro­visieren, können in den Tagesablauf der Schule integriert werden. bildung+ schule digital 2 | 2024 7 © stock.adobe.com, contrastwerkstatt

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zukunft bildung © stock.adobe.com, Muhammad, KI generiert Erst wenn Kraft gesammelt wurde, kann das Alte gewürdigt und transformiert werden. Das gilt auch für Veränderungen in der Schule. falsch verstehen: Ein Leben ohne Digitalität ist kaum noch vorstellbar, und es geht auch nicht darum, diese grundsätzlich zu verteu- feln. Aber wenn wir die Verbindung zwischen Körper, Geist und Seele verlieren, steigt die Gefahr, dass unser System aus dem Gleich- gewicht gerät und chronische Krankheitsbil- der entstehen. Eine dystopische Darstellung dieser Entwick- lung findet sich im Animationsfilm „Wall-E“, in dem die Menschen nur noch in ihren schwe- benden Stühlen sitzen, ihren Körper kaum noch benutzen, über Bildschirme kommuni- zieren und endlos konsumieren. Und seien wir ehrlich: Viele nutzen das Internet, um sich mit Freunden zu „treffen“, vor allem die jüngere Generation. Wir müssen uns nicht mehr be- wegen oder anstrengen. Aber wenn wir unsere Bedürfnisse immer so- fort und mühelos befriedigen können, fühlen wir uns am Ende nicht glücklicher (Morphin- ausschüttung), sondern eher unzufrieden (kei- ne Endorphinausschüttung). Das Ergebnis ist nicht mehr „I like it“, sondern „I want it“ (do- paminerges Sucht­verhalten). Die Folgen kön- nen sein: Esssucht, Social-Media-Sucht oder ähnliche Süchte. Durch ständiges Sitzen verliert der Körper die Fähigkeit, auf eigene Energiequellen zurückzugreifen, die erst durch Aktivität verfügbar sind. 8 bildung+ schule digital 2 | 2024 © stock.adobe.com, insta_photos

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