zukunft bildung Raumkonzepte, die es Schüler:innen erlauben, selbst zu bestimmen, wo sie mit wem wie lange und mit welchen Materialien arbeiten, unterstützen das Bedürfnis nach Selbstbestimmung. the captain of my own learning“ (vgl.Doug- las, 2024). Selbst- und Mitbestimmung sind zentrale Bedürfnisse, insbesondere im Kon- text von Schule. Räume können diesem Be- dürfnis entsprechen oder aber es behindern. Raumkonzepte, die es Schüler:innen erlau- ben, selbst zu bestimmen, wo sie arbeiten, mit wem, wie lange und mit welchen Materi- alien, unterstützen dieses Bedürfnis. Räume können auf verschiedenen Ebenen, derjenigen der Schüler:innen, der Klasse sowie der Schu- le, zur Mitbestimmung und Partizipation ein- laden (vgl. Lenzgeiger, 2024). Die Verwendung des Kreises als Gestaltungs- element fördert Mitbestimmung. Er symbo- lisiert Kommunikation auf Augenhöhe und kennt keine hierarchischen Strukturen. Das menschliche Bedürfnis nach Orientierung und Sicherheit steht in einem Spannungsver- hältnis zum Bedürfnis nach Entgrenzung und Vernetzung. Schüler:innen streben danach, sich über die traditionellen Schulstrukturen hinaus zu bewegen. Dies impliziert, dass die Institution Schule nicht als isolierter Organis- mus, sondern als integraler Bestandteil eines umfassenderen sozialen und kulturellen Kon- textes betrachtet werden muss. Lerndörfer entsprechen dem Bedürfnis nach Sicherheit und Orientierung einerseits sowie nach Öffnung andererseits (vgl. Kirch, 2024). Lerninseln, wie sie an der Ernst-Reuther-Schu- le etabliert wurden, können als Beispiel für Entgrenzung und Vernetzung betrachtet wer- den (Pallesche, 2023). Dieses Bedürfnis lässt sich zudem durch die Erweiterung des analo- gen Raums durch den digitalen befriedigen, wie die Alemannenschule in Wutöschingen überzeugend demonstriert (vgl. Budde, 2024). Eine gute Schule ist mehr als eine effektive Schule (vgl. Zierer, 2021). Sie berücksichtigt und schätzt menschliche Bedürfnisse und integriert diese in ihre Konzeption und in die Schularchitektur. In einer Vielzahl von Veröf- fentlichungen der vergangenen 15 Jahre ha- ben John Hattie und Klaus Zierer dargelegt, welche Maßnahmen effizientes Lernen för- dern und welche nicht (vgl. Hattie & Zierer, 2024). Die Bedeutung der Wertschätzung und Integration des Menschlichen für eine gute und effektive Schule wird ersichtlich in Zie- rers Konzept einer Schule der Freude, wel- ches auf den Begriffen Gründe, Gestaltung, Gelingen, Gefühle und Gemeinschaft basiert (vgl. Zierer, 2021). Schüler:innen streben nach einer Begründung für ihr Lernen. Sie wollen das Lernen ergrün- den. In gewisser Weise lässt sich Simon Si- neks Claim „Start with why!“ auch auf die Schule übertragen (Sinek, 2009). Diese For- derung findet ihre Bestätigung in der Erkennt- nis des Schulleiters Micha Pallesche, der bei einer Hospitationsreise durch Singapur den Begriff „Purpose“ als integralen Bestandteil von Schule und Unterricht kennenlernte (Pal- lesche, 2024). Nachhaltiges und erfolgrei- ches Lernen ist nur dann möglich, wenn die © stock.adobe.com, Halfpoint Lernenden den Sinn und Zweck des Lernens verstehen. Dass der Wunsch nach Gestaltung ebenso ein menschliches Bedürfnis ist, zeigen die positi- ven Erfahrungen moderner Bibliotheken, die vielfältige Werk- und Produktionsangebote in ihr Portfolio aufgenommen haben (vgl. Zie- rer, 2021). Schulen verfügen über vielfältige Gestaltungsräume, die jedoch meist nur im Rahmen des Fachu nterrichts genutzt werden können. Raumnutzungskonzepte, die einen offeneren und bedarfsorientierten Zugang ermöglichen, würden dem Bedürfnis nach Ge- staltung besser entsprechen. Räume machen Gestaltung möglich, Räume machen Gestal- tung sichtbar und entsprechen damit einem weiteren menschlichen Bedürfnis: Menschen brauchen Gelingenserfahrungen. Erfolg ist einer der stärksten Faktoren, die das Lernen positiv beeinflussen. Eine Schule der Freude versucht, Erfolg zu ermöglichen, sicht- bar und erfahrbar zu machen. Das bedeutet, dass nicht nur das Lernergebnis, sondern auch der Lernprozess in den Blick genom- men wird. Einzelne Schüler:innen können Gelingenserfahrungen machen, aber auch Lerngruppen oder ganze Schulen können Er- folgserlebnisse haben. Dabei ist wichtig, dass sich Erfolg bzw. Gelingen nicht nur auf den kognitiven Bereich bezieht. Emotionen sollten in ihrer Bedeutung nicht unterschätzt werden. Sie sind Ausdruck eines zutiefst menschli- chen Bedürfnisses. Schulen sollten ihren Aus- druck fördern und schätzen – nicht nur, weil sie dazu beitragen können, die Lernmotivati- on und den Lerne rfolg zu steigern. Vielmehr können Schulen, die eine Atmosphä- re des Vertrauens und der Wertschätzung schaffen, ohne Angst vor Fehlern, den Lernen- den helfen, ihr Potenzial zu entfalten. In der Regel wollen Menschen nicht alleine sein. Gemeinschaft schafft Zugehörigkeit, Si- cherheit, Stärke und Unterstützung. Ähnlich wie moderne Bibliotheken sollten Schulen Orte der Gemeinschaft sein, Orte der Begeg- nung, die den Aufbau und die Pflege vielfäl- tiger Beziehungen ermöglichen. Von Bibliotheken lernen Es gibt Schulen bzw. Lernräume, die von mo- dernen Bibliotheken gelernt haben. Sie stellen das Lernen bzw. die Lerner in den Mittelpunkt und sehen nicht mehr aus wie Klassenzimmer. Andere Schulen machen die Bibliothek zum „Herz der Schule“ (vgl. Sühl 2024). Man 14 bildung+ schule digital 2 | 2024
Download PDF file