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Future education von multimedialen Produkten Lernprozesse fördern. Im Rahmen der Projektmethode erleben die Lernenden einen hohen Grad an Handlungs - orientierung, Selbstwirksamkeit, sozialer Ein - gebundenheit und Autonomie. Die Verbin- dung von digitalen Medien mit offenen und forschenden Aufgaben leistet gleichzeitig ei - nen wichtigen Beitrag zur (Selbst-)Differen - zierung und fördert prozessbezogene Kom - petenzen. Das Allheilmittel für guten Unterricht ist das Projektlernen allerdings auch nicht. Schule braucht beides: Auf der einen Seite die mit digitalen Medien unterstützte Wissensaneig - nung im Klassenverband und auf der anderen Seite offene und forschende Aufgabenforma- te für das eigenständige Erarbeiten zum Bei - spiel von digitalen Lernprodukten. Das richtige Verhältnis aus Tradition und In - novation muss dabei ständig ausgelotet wer - den. Im Unterricht des Autors gibt es in jedem Unterrichtsfach pro Halbjahr eine Projektar - beit mit digitalen Medien in einem zeitlichen Umfang von bis zu vier Wochen. Neben den fachlichen Inhalten werden dabei vor allem Kompetenzen zum eigenverantwortlichen Lernen gefördert. Geeignete Prüfungsformate Der „heimliche Lehrplan“ ist bekanntlich das zu erfüllende Prüfungsformat. Vor diesem Hintergrund ist die Bedingung für das Gelin- gen der neuen Lernkultur, dass zunehmend auch offene, forschende und projektartige Aufgabenformate mit digitalen Medien Be - standteil der Leistungsbewertung werden. Selbst die Kultusministerkonferenz fordert ein Umdenken bei der Leistungsbewertung in ihrer aktuellen Handreichung „Lehren und Lernen in der digitalen Welt“ [3]: „Im Wan - del des Lehrens und Lernens in der digitalen Welt sind […] unter Nutzung digitaler Medien und Werkzeuge etablierte Prüfungsforma - te anzupassen sowie neue Prüfungsforma - te zu entwickeln.“ Doch welche Möglichkeiten gibt es derzeit, um das Spektrum der Leistungsnachweise Anlass für eine Projektarbeit mit digitalen Medien: die Sonderbriefmarke der Deutschen Post zum „magischen Dreieck“ im täglichen Unterricht zu erweitern? Wie können geeignete Prüfungsformate für di- gital gestützte und kooperative Leistungser - hebungen aussehen? Bundesländer wie z. B. Bayern haben zu diesen Fragestellungen be - reits groß angelegte Schulversuche etabliert [5], deren Ergebnisse gegen Ende des Schul - jahres 2022/2023 vorliegen werden. Anzeige bildung+ schule digital 1 | 2022 33

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Future education Die Überwachung aller Schüler-Tablets wäh - rend einer hybriden Klassenarbeit kann über die Classroom-App erfolgen: Die Bildschir - me aller Schüler-Tablets sind auf dem Leh - rer-Tablet sichtbar – bei Bedarf können ein - zelne oder alle Schüler-Tablets auch in den „Single-App-Modus“ gesetzt werden, bei dem nur die gewählte App auf dem Tablet bedien - bar ist. Die Ergebnisse der digitalen Aufgaben werden von den Schüler*innen über die Class - room-App auf das Lehrer-Tablet gesendet. Zur Dokumentation und Korrektur werden die digitalen Ergebnisse zusätzlich auf dem Ta - blet-Drucker im Klassenzimmer ausgedruckt und mit den analogen Aufgaben abgegeben. Das „Open Book“-Format Auf dem Projekt-Board stehen Empfehlungen für Erklärvideos, Buchseiten und Übungsaufgaben zu ma- thematischen Inhalten und Apps. Digitale Version: bit.ly/3uTOFr4 Im Unterricht des Autors gibt es derzeit drei Ansätze zur neuen Prüfungskultur: die Inte - gration von möglichst offenen Aufgaben am Tablet in traditionelle Klassenarbeiten, die Be - wertung von digitalen Lernprodukten im Rah - men von mehrwöchigen Projektarbeiten und die kontinuierliche Lernprozessdiagnose oh - ne Notendruck mithilfe von Lernplattformen. Alle drei Zugänge können auch miteinander kombiniert werden. i Digitale Lerndiagnose im Fach Mathematik Im Unterricht des Autors schreiben die Schüler*innen über die Lernplattform „bet­ termarks“ während einer Lerneinheit und vor der jeweiligen Klassenarbeit je einen digitalen Mathetest ohne Notengebung. Anhand der sofort vorliegenden Diagno­ seergebnisse werden den Lernenden zu je­ der Aufgabe mögliche Lösungswege und vorhandene Wissenslücken aufgezeigt. Der Lehrer erhält eine detaillierte Rückmel­ dung über die Leistungen der einzelnen Schüler*innen und über Verständnispro­ bleme der gesamten Klasse. Der digitale Mathetest wird von den Lernenden nicht im Unterricht, sondern als Hausaufgabe geschrieben. Den Schüler*innen wird da­ durch klar gemacht, dass es sich bei die­ sem Test um eine Unterstützung beim Ler­ nen handelt und sie sich mit Hilfsmitteln am Ende selbst „betrügen“. Digitale Aufgaben in Klassenarbeiten Eine traditionelle Klassenarbeit, bei der Schüler*innen ein vorher behandeltes Thema wie zum Beispiel den Algorithmus zu den bi - nomischen Formeln ohne Zugriff auf weitere Hilfsmittel so abliefern müssen, wie die Lehr - kraft sich das vorstellt, hat mit den Anforde - rungen in der realen Berufs- und Arbeitswelt nur wenig zu tun. Dabei macht es auch keinen Unterschied, ob die Klassenarbeit statt auf Papier nun digital etwa innerhalb einer Lern - plattform geschrieben wird. Solange sich das Aufgabenformat des schriftlichen Leistungs - nachweises nicht ändert, handelt es sich um ein digitales Konservieren der bestehenden Prüfungskultur. Ein erster Schritt zur neuen Prüfungskultur sind hybride Klassenarbeiten. Diese bestehen aus traditionellen „Paper & Pencil“-Aufgaben ohne Hilfsmittel und Aufgaben zur Lösung mit dem Tablet. Die digitalen Aufgabenteile soll- ten dabei so angelegt sein, dass verschiede - ne Lösungswege möglich sind. Eine Alternative zu den skizzierten digita - len Teilaufgaben sind Klassenarbeiten kom - plett im „Open Book“-Format. Hierbei haben die Schüler*innen Zugriff auf alle Schulhef - te, Schulbücher, Apps und auch das Internet. Bei „Open Book“-Klassenarbeiten wird weni - ger der Umgang mit Reproduktionswissen abgefragt, sondern vielmehr die Kompetenz geschult, geeignetes Wissen aus einer Viel- zahl von Quellen zu finden sowie Probleme zum Beispiel mit Hilfe von verfügbaren Apps auf Basis des Gelernten zu lösen. Die Herausforderung beim „Open Book“-For - mat für Lehrer*innen besteht darin, eine the - matisch passende offene Aufgabenstellung für den zeitlichen Rahmen einer Klassenar - beit (45 bis 90 Minuten) zu finden sowie die Lösungswege der Schüler*innen transparent und vergleichbar zu bewerten. Bewertung der digitalen Projektarbeiten Digitale Projektarbeiten finden über mehre- re Wochen hinweg sowohl im Unterricht als auch als Hausaufgabe im erwähnten „Open Book“-Format statt. Voraussetzung für die Chancengerechtigkeit ist dabei, dass alle Schüler*innen ein einheitliches digitales End- gerät zum Lernen und Arbeiten für den Zeit - raum der Projektarbeit besitzen. Besonders einfach lassen sich digitale Projekte deshalb in Tablet-Klassen realisieren. Die Grundlage für eine transparente Notenge - bung des innerhalb des Projekts entstehen- den Lernprodukts ist ein Erwartungshorizont. Dieser gibt den Lernenden während der eigen - 34 bildung+ schule digital 1 | 2022

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