Home-Schooling auch – oder besonders – aus dem Homeschooling mit kreativen Lernprozessen und qualitativen Ergebnissen überraschen.“ Eine solche Krisensituation zeigt auf, wie sehr es sich für Schulen auszahlt, gelingende pädagogische Konzepte für eine zeitgemäße Bildung des 21. Jahrhunderts zu leben. Meine Schule lässt viel digitale Ausstattung noch deutlich vermissen, weist aber eine gelebte Didaktik auf, die meine Schüler*innen vielleicht besser auf die Corona-Krise vorbereitete, als ich erwartet hätte. Da wir eine inklusive Stadtteilschule sind, ist jede Klasse sehr heterogen zusammengesetzt. Drei verschiedene Schulabschlüsse sind an unserer Schule möglich – und alle werden in meiner Klasse vertreten sein, neben drei Schüler*innen, die aufgrund ihres Förderbedarfs im Bereich der geistigen Entwicklung keinen Abschluss erlangen können. All diese Schüler*innen lernen die meiste Zeit parallel im gleichen Klassenraum, Binnendifferenzierung sind sie daher gewöhnt. Sie kennen selbstständiges Arbeiten (und seine Tücken). Es war auch zu Beginn des Homeschoolings ein Leichtes für die meisten, aus einem Wochenplan mit verschiedenen Fächern immer diejenigen Aufgaben auszuwählen, die zu ihrem aktuellen Können oder methodischen Vorlieben passten. Diese Arbeitspläne boten den Schüler*innen einen dringend nötigen vertrauten Rahmen in dieser turbulenten Lernsituation. Natürlich war die Situation auch für mich und meine Schüler*innen heraus- und zeitweise auch überfordernd, auch wir haben noch große Baustellen. Sehr sichtbar haben aber alle im Laufe der Homeschooling-Zeit auf die ihnen bekannten Strukturen aufgebaut, diese Beobachtung hat mich sehr gefreut. Parallel zu meinen Schüler*innen habe auch ich mich weiterentwickelt, in rasantem Tempo ging es häufig einen Schritt zurück und zwei Schritte vor. Kommunikation bekommt dabei in diesen Zeiten ein neues Gewicht. Während sie im Klassenzimmer häufig nebenbei läuft, zeigt sich ihre zentrale Rolle bei gelingendem Lernen ganz besonders, wenn sie nicht mehr für jeden jederzeit abrufbar ist, sondern über digitale Kanäle bewusst gestaltet werden will. Kommunikation bekommt auch ein neues Gesicht. Zahlreiche Tools und LearningApps regen zunächst nicht zu neuen Formen des Lernens, sondern vor allem zu neuen Formen des Frontalunterrichtens an: Die StummschaltFunktion in Videokonferenzen, Aufgabenbearbeitung in Einzelarbeit und Richtig-oder-Falsch-Ergebnissicherungen. Kommunikation ist aber nicht gleich Kooperation – im Präsenzunterricht ist dies für viele Pädagog*innen inzwischen selbstverständlich. Natürlich gibt es auch Tools, mit denen explizit kooperatives Arbeiten ermöglicht wird. Mit solchen Programmen kooperativ zu arbeiten motiviert und hilft beim Lernen – wenn man die erforderliche Technik besitzt. Das ist bei einem Großteil meiner Schüler*innen nicht der Fall, sie arbeiten in der Regel mit ihrem Smartphone. Eine wichtige Erkenntnis für mich ist daher: Wir kommen nicht umher, flexibel zu sein und kreativ auch mal um die Ecke zu denken. Zwischenergebnisse abfotografiert hin- und herschicken, Videokonferenzen zunehmend in „Gruppenräumen“ stattfinden lassen, in denen ich als stiller Beobachter von Gruppe zu Gruppe springen kann, während die Schüler*innen gemeinsam arbeiten, aber nur einer für alle tippt, Ergebnisse mal in Video- oder Audioform erstellen … es gibt viele Möglichkeiten. Homeschooling ist nicht einfach nur Unterricht in digitaler Form. Bisher lag der größte Fokus darauf, die Kommunikation zwischen Lehrenden, Lernenden und Eltern zu ermöglichen und Material auszutauschen. Darin haben viele von uns zunehmend ihre Kompetenzen geschärft. Nun müssen wir den Nachweis erbringen, dass wir Unterrichten mit Hygienevorschriften unsere pädagogischen Fähigkeiten auch ins Digitale übersetzen können, dass sich unsere erfolgreichen Schulkonzepte auch unter den gegebenen Umständen beweisen. Und offen sein, sie an den Stellen zu überarbeiten, an denen sie sich nicht als zukunftsgeeignet erwiesen haben – denn solche Stellen zeigen sich momentan schonungslos. Mein Pädagogenherz schlägt auch dann jedes Mal höher, wenn wir bei diesen Prozessen wieder zwei Schritte nach vorne geschafft haben. Dieser Artikel beschreibt den Stand am 5. Mai 2020. Anzeige bildung+ schule digital 1| 2020 17
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